Wie Wagner auf Steroiden - Interview mit Johan de Meij

  • 23.05.2019
  • Musikalisches

30 Jahre hat es gedauert, bis der Niederländer Johan de Meij der Musikwelt eine Fortsetzung seiner Herr der Ringe-Sinfonie (Nr. 1) geschenkt hat: Die neue Sinfonie Nr. 5, "Return to Middle Earth". Auftraggeber der Neukomposition war die Valparaiso Universität in Indiana (USA). Das Landesblasorchester Baden-Württemberg präsentiert zusammen mit dem Neuen Kammerchor Heidenheim die deutsche Erstaufführung der neuen Herr der Ringe-Sinfonie. In dieser Vertonung kreiert de Meij eine überwältigende und mächtige musikalische Atmosphäre mit einem Solosopran und einem achtstimmigen gemischten Chor, der in der Fantasiesprache Ilkorin singt. Im Mai führten die beiden Ensembles das Programm bereits bei zwei ausverkauften Konzerten auf. Das Landesblasorchester Baden-Württemberg interviewte den niederländischen Komponisten Johan de Meij.

Foto: Dyan Machan

Was war Deine Motivation damals, die 1. Sinfonie zu schreiben?

Ich wollte ein großes substantielles Werk für Blasorchester schreiben und stieß dann auf Herr der Ringe und dachte: ja, das ist es! Es ist farbenreich, phantasiereich und es passiert etwas – die Geschichte bietet alles, was man für eine Sinfonie braucht. Und im Nachhinein betrachtet war es eine sehr gute Idee. Zudem muss ich gestehen, dass ich kein großer Tolkien-Fan bin – ich las das Buch nur, um die Musik dazu zu schreiben.

Wo ist der musikalische Zusammenhang der 1. und 5. Sinfonie?

Das neue Werk ist etwas metaphorischer, vor allem durch den Texteinsatz. Ich gebe zwar thematische Hinweise auf die Geschichte, erzähle aber nicht das Silmarillion, die Vorgeschichte zu Tolkiens Hobbit und Herr der Ringe, nach. In der 1. Sinfonie gibt es fünf Kapitel: Gandalf, Gollum und Hobbits sind musikalische Porträts von Protagonisten, der Rest sind bestimmte Situationen oder Orte der Geschichte, die eine Handlung erzählen.
In der 5. Sinfonie wird keine konkrete Geschichte erzählt – hier habe mich an den fünf Gedichten orientiert. Also eher eine Beschreibung von symbolischen Geschehnissen.

Wie bist Du an das Projekt rangegangen und was war Deine Motivation?

Dieses Mal war es ein Auftrag – die erste Sinfonie war eher aus Spaß, als Hobby. Die Ursprungsidee war es, im November 2018 eine Tolkien-Konferenz zu veranstalten. Der Dekan der Valparaiso Universität in Indiana (USA) kontaktierte mich drei Jahre zuvor und bat mich darum, für diese Veranstaltung ein neues Werk zu schreiben, das auf Tolkiens Geschichte basiert. Leider wurde der Dekan nach einem Jahr freigestellt und die Konferenz abgesagt. Doch der Dirigent des Orchesters wollte das Werk trotzdem aufführen. Zu der Zeit hatte ich schon drei Sätze fertig und dann habe ich das Werk finalisiert.

Warum Chor und Solistin?

Seit der 3. Sinfonie habe ich immer Stimmen benutzt: einen Frauenchor und in der 4. einen Kinderchor mit Mezzosopran. Ich liebe es, für Stimmen zu schreiben – es ist fantastisch, mit Stimmen zu arbeiten. Ilkorin als Sprache passt auch super dazu. Und in der Geschichte kommen auch nur drei Frauen vor, denn die meisten Figuren sind Männer oder Orks. Da passt ein femininer Charakter, der durch die Solistin dargestellt wird, wunderbar.

Du hast das Werk als Dirigent bereits in den USA und erst kürzlich in Asien uraufgeführt – wir spielen am 1. Juni die deutsche Erstaufführung in Osnabrück. Wie war es für Dich, das Werk zum ersten Mal live zu hören?

Die Uraufführung war etwas enttäuschend, weil der Ort nicht der richtige war. Es fand in einer großen Kathedrale statt und man hörte kein Detail. Alle Klänge waren zu verschwommen und der Chor, bestehend aus 180 Studenten, war mit 50 Metern Abstand zu weit vom Dirigentenpult entfernt. Bei der japanischen Premiere war es ganz anders: Ein wunderschöner Konzertsaal in Osaka mit einem tollen Orchester.

Welche Stelle gefällt Dir am besten?

Auf jeden Fall der Schluss des zweiten Satzes, wenn die Solistin a capella singt, aber auch der dritte Satz, der den Drachen beschreibt, ist spektakulär, da passiert so viel – das ist wie Wagner auf Steroiden. Ich dachte dabei an eine Mischung zwischen Walküre und Feuervogel: Man kann den Drachen förmlich sehen.

Wurdest Du zurückversetzt in die damalige Zeit, als Du die erste Sinfonie schriebst?

Nein, das war ganz anders: die erste Sinfonie schrieb ich in fünf Jahren. Ich hatte keinen Zeitdruck und keinen Auftrag – somit habe ich zeitgleich an vielen anderen Sachen gearbeitet. Bei der 5. Sinfonie habe ich nur an diesem Werk gearbeitet und das hat etwas mehr als ein Jahr gedauert.

Warum hast Du Dich entschieden, den Drachen vom Fagott spielen zu lassen?

Das Sopransaxophon war bereits in der 1. Sinfonie für Gollum im Einsatz und erinnert ein wenig daran. Die 1. Sinfonie hat mehr solistische Passagen, in der 5. gibt es nur wenige Solisten – zum Beispiel Altflöte oder Fagott. Eigentlich ist der Drache so groß wie ein Jumbo Jet, aber in meiner Fantasie hat er im Gegensatz dazu eine alberne hohe Stimme. Und wie du sagst: tatsächlich gibt es eine gewisse Ähnlichkeit mit Gollum. Der Drache spricht zu sich selbst wie Gollum auch – bemitleidet sich und jammert.

www.landesblasorchester.de


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